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Der Mythos von Daedalos und Ikarus beschreibt bereits in der Antike, dass
der Traum des Menschen vom Fliegen, der Traum der absoluten Freiheit,
nur über die Einschränkung, den Mittelweg zu haben ist. Weder der
Sonne, noch dem Wasser durfte Ikarus zu nahe kommen.
Das begrenzte Grenzenlose, die Freiheit in Fesseln sind ein Urmotiv des
Menschen, der ein Lied singen kann von der Ambivalenz von Körper und
Geist, Gefangensein und Ungebundenheit (Hoffmann von Fallersleben:
Die Gedanken sind frei). Es scheint sogar so, dass das eine das
andere bedingt, jeder Raum nicht nur Gefängnis ist sondern auch
Keimzelle, Nest, (Geburts–)Ort der Freiheit.
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Dieses Paradoxon, dass sich alles in einem findet, ein begrenzter Raum
unbegrenzte Möglichkeiten eröffnet, Innen und Außen zwei Seiten
einer Medaille sind, beschäftigt den Menschen von der Steinzeit bis
zur Moderne und bildet sich ab in seinen Architekturen. Es gibt eine
schöne bauliche Umsetzung dieses Paradoxons in den, seit der
Barockzeit beliebten großen Volieren, in denen die Vögel nisten und
in scheinbarer Freiheit umherfliegen konnten. Ein Modell des Lebens?
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Architektonische Analogien zu diesen umbauten Biosphären (zu denen auch die
Palmhäuser, Schmetterlingshäuser, etc zu zählen sind) findet man
in den Glaspalästen der Weltmessen des 19. Jahrhunderts und der
modernen transparenten Architektur (wie z. B. auch im neuen
kunstforum). Glas– und Stahlkonstruktionen vermengen das Private und
das Öffentliche und mutieren zu gesellschaftlichen Volieren, Käfigen
in denen die Menschen das fliegen üben. Die Mittel, die sie dazu zur
Verfügung haben sind wiederum Paradoxa, nämlich Form gewordene
Gedanken und Ideen: Bilder und Worte.
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Wie gerade Worte Welt abbilden und generieren und über sich
hinausweisen, zeigt im Neuen Kunstforum die Installation “Voliere”
am Beispiel von Vogelnamen. Diese phantasiereichen Wortschöpfungen
aus allen Lebensbereichen, wie z. B. Alpensegler, Schüttelkopf,
Nimmersatt, Grasmücke oder Hakengimpel bilden zusammen das Netz
einer virtuellen Voliere, projiziert an Decke und Wände. Ein
Sprachgerüst, eine Außenhaut, eine Barriere aus neu komponiertem
Grundwortschatz, auf und innerhalb der sich Worte aus den
Begriffsfeldern der Wahrnehmung, des Denkens und Fühlens scheinbar
frei und vogelgleich bewegen und den Raum in den Abendstunden in
einen sprachumhüllten Denk–Raum verwandeln.
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Nichts ist drinnen, nichts ist draußen:
Denn was innen das ist außen.
(Johann Wolfgang von Goethe)
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Begleitend war zur Langen Nacht der
Museen am 6.11. die Interaktion “Luftraumkontrolle” von Res
Ingold zu sehen: “Man fliegt nur so weit, wie man im Kopf
schon ist” (Jens Weisflog)
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Begrüßung von Stephan Andreae
Namen strukturieren die Welt. Ohne Namen keine Sortierung. Ohne Namen scheidet
ein jedes Ding und jedes Lebewesen aus dem Bewusstsein oder gerät gar nicht erst
hinein. Der objektive Name verschafft demnach Existenz bei den Anderen, den
Subjekten, zur Verständigung.
Und die Namensgebung ist ein ernst zu nehmendes Handwerk, ein KUNSTHandwerk,
das bisweilen und leider oft misslingt, aber manchmal auch ins Schwarze
trifft, dann handelt es sich um eine ästhetische Zuweisung.
Wolken haben keine Namen, sie sind zu flüchtig, gleichwohl dürften wir darüber einig
sein, dass es einerseits sehr schöne Wolken gibt, andererseits völlig misslungene.
Man kann darüber diskutieren, ob es kubistische oder impressionistische Wolken
gibt, ja vielleicht auch dadaistischeÉÉ.ganz so, als wäre da jemand am
WerkÉÉ.man weiß es nicht. Da einem die Wolken aber nie wieder begegnen,
macht es keinen Sinn, Ihnen Namen zu geben.
Bei Flugobjekten, seien sie dinglicher oder biologischer Natur, verhält sich das
anders. Alle schwirren um uns herum und andauernd, mal näher, mal ferner. Und
diese müssen in unser System hinein. Warum? Hatten Sie einmal einen Freund oder
Freundin ohne Namen? Das wäre doch undenkbarÉ.
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Aus vielen Gedanken, und u.a. auch aus diesen, ist die Idee der Internationalen
Vogelflughäfen entstanden. Sie entstand aus einem Ordnungsimpuls. Denn wie um
Himmels Willen soll man Ordnung in dieses große Durcheinander von Vögeln und
anderen Benutzern der Troposphäre hinein bringen? Dafür sind Anstrengungen und
Maßnahmen erforderlich und dazu haben wir uns jetzt entschlossen und sind bereits
auf dem Weg. Es gilt, auf die zunehmende Migration von Wildtieren in urbane
Territorien zu reagieren und neue Konzepte und Verkehrslösungen vorzuschlagen
und diese exemplarisch zu testen.
Deshalb freue ich mich um so mehr über diese Einladung, das Konzept und die
Installation VOLIERE begrüßen zu dürfen, Danke dafür!
Die Sache mit den Namensgebungen ist nur leider komplizierter, als Sie vielleicht
denken, dazu möchte ich den Namen eines einheimischen Vogels heranziehen: den
ZILP–ZALP, ein Name, der offenbar seinem akustischen Ruf entspringt.
Wissenschaftlich nennt man ihn Phylloscopus collybita. Ein kleiner frecher, aber
unauffälliger Mitbewohner. Der Zusatz &ldquio;collybita” kommt von “collybus” = der
Geldwechsler. Mag es sein, dass Zilp und Zalp etwas mit Geben und Nehmen zu tun
haben???
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Und dann mal die Spatzen. Das kommt vom gotischen &ldquio;sparwa”Ékein Mensch weiß
warum. Sie werden dramatisch weniger. Aber auch das verhält sich wie auf
konventionellen Flughäfen, eine Airline kommt, eine andere geht.
Vogelflughäfen machen sich nicht allein. Damit begrüße ich sehr herzlich meinen
Mitstreiter und Künstlerfreund Res Ingold. Seine Kunst besteht in einem komplexen
Konzept (das hier zu erklären zu weit führen würde) und einer Meisterschaft in
kalkulierter Maskerade, die weniger auf Täuschung, als vielmehr zur Demaskierung
angelegt ist. Res Ingold ist u.a. ein Kritiker, aber auch ein Dichter der businessSprache
und seinen ästhetischen Signalen. Sein Unternehmen ingold airlines
existiert seit über 20 Jahren, die Vogelflughäfen sind lediglich ein weiterer
Geschäftsbereich, für den ich selbst mitverantwortlich zeichne. Res Ingold in seiner
Funktion als Airline–Vorsitzender bezeichnet sich selbst als “Supplément–Carrier”, ein
Name, der nur einem Schweizer einfallen kann.
Die Vogelworte hier in diesem Raum sind ein eigenständiges Kunstwerk, mit dem
eigentlich nur die Schöpfer zu tun haben. Dafür gebührt Ihnen unser Respekt. Die
Tatsache, dass Res Ingold und ich es uns zur Integration ins eigene Ideenchaos
ergriffen haben, ist Teil unserer Planung, aber bedarf selbstverständlich der
Zustimmung der Ergriffenen, von der ich jetzt mal ungeschützt ausgehe.
Vielen Dank Detlef Hartung und Georg Trenz, dass Sie auf diese Weise ein völlig
eigenständiges Kunstwerk in der Langen Nacht der Museen in Köln präsentieren,
das wir selbst gerne und ungefragt in unser eigenes Konzept integrieren.
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